KINDER
„Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Es sind die Töchter und Söhne der Sehnsucht
des Lebens nach sich selbst.
Sie kommen durch euch, doch nicht von euch;
und sind sie auch bei euch, so gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, doch nicht eure Gedanken,
denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihrem Leib ein Haus geben, doch nicht ihre Seele,
denn ihre Seele wohnt im Hause von morgen, das ihr nicht zu betreten vermöget,
selbst nicht in euren Träumen.
Ihr dürft euch bestreben, ihnen gleich zu werden,
doch suchet nicht, sie euch gleich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es beim Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile entsandt werden.“
Khalil Gibran, "Der Prophet"
Mit Schrecken hören wir in den Nachrichten von Gewaltexzessen der Kinder untereinander und Erwachsener gegen Kinder. Wir sitzen da und fühlen uns hilflos. Wo kommt das alles her, woher kommen all der Hass und die Gewalt unter Kindern und gegen Kinder? Was können wir ändern? Die Wurzeln der Gewalt sind tief und müssen verstanden werden. Eltern wollen das Beste für ihre Kinder, aber was ist das? Im Allgemeinen ist dieses Beste all das, was sie erreicht haben plus all das, was sie gerne erreicht hätten, aber nicht erreichen konnten. Und es sind all die Ideen, Philosophien, religiösen und politischen Ansichten der Eltern. So wird den Kindern von vornherein eine große Last aufgebürdet. Sie müssen besser sein als andere, klüger, schneller, erfolgreicher. Und so werden sie sehr schnell in die Spirale von Wettkampf, Angst, Frustration, Erfolgsdenken, Ego-Haftigkeit katapultiert und verhungern in ihrer Seele. Sehr schnell lernen sie Masken zu tragen.
Wir haben vergessen, dass Kinder nicht unsere Kinder sind, dass wir sie nicht verformen, dass ihnen nicht unser Denken aufdrängen dürfen. Kinder kommen mit Unschuld zur Welt – wie eine leere Tafel. Sie kommen auch mit vielen Samen, die darauf warten gegossen und gedüngt zu werden. Es sind ihre eigenen Samen, und es ist das Potential der Zukunft. Das Leben will sich in jedem Kind auf neue Weise völlig einzigartig ausdrücken. Wenn wir die leere Tafel des Kindes zu schnell mit unseren Idealen, Vorstellungen, Zielen beschreiben, dann können die Samen des Kindes nicht keimen. Wir überdecken das Potential der Zukunft in den Kindern mit den Gedanken und Vorstellungen aus der Vergangenheit. Das haben schon unsere Eltern mit uns gemacht und deren Eltern und… Es wäre so viel Respekt gegenüber den Kindern notwendig und vor allem auch so viel mehr Respekt gegenüber uns selbst. Denn dasselbe, was wir den Kindern antun, tun wir uns selbst an. Eltern, die es wagen selbst frei zu sein, sich selbst zu leben, ohne Furcht davor, was andere denken könnten, werden auch ihren Kindern gestatten dasselbe zu tun. Dann kann die Kreativität der Kinder sich entwickeln, und die Eltern können fördern, was da wachsen will. Wir dürfen nie versuchen aus einem Gänseblümchen eine Rose zu machen, oder umgekehrt. Sondern wir müssen das Gänseblümchen in seiner Gänseblümchenhaftigkeit fördern genau wie die Rose in ihrer Rosenhaftigkeit. In uns selbst genauso wie in den Kindern. Respektiert den Bogen genau wie den Pfeil, dann können eure Kinder als lebende Pfeile entsandt werden.
Pyar
© Pyar 06/2004