Wegweiser Ausgabe März 2003

Meister-Schüler Beziehung und die Gefahr des Missbrauchs

Wenn ein Oberhaupt weiblicher Schüler seine Stellung missbraucht, ist das wie Gutes, das sich in Schlechtes verwandelt hat…

Wer das Dharma erklärt, aber seinen Sinn nicht begreift, ist wie ein Lügner, der Leute zum Narren hält…

Wer die Arbeit an sich selbst nicht vollendet hat, wird schwerlich anderen nutzen können.“

Milarepa

Wenn ich von sexuellem Missbrauch höre, empfindet mein Herz großen Schmerz ob dieses brutalen Übergriffs und all des Leids, das daraus entsteht. Wenn ich von sexuellem Missbrauch in einer Meister-Schüler-Beziehung erfahre, schmerzt und blutet mein Herz. Denn hier kommt zu der sexuellen Gewalt noch der spirituelle Missbrauch eines Menschen hinzu, der sich in tiefem Vertrauen geöffnet hat.

Ein Mensch, der das Vertrauen von Schülern ausnützt, um seinem Machtstreben, seinem Geldverlangen oder seinem sexuellen Verlangen Genüge zu tun, ist kein Meister, sondern ein Scharlatan. Dies muss noch nicht einmal in klarer, bewusster Absicht geschehen, sondern es geschieht oft in der Unbewusstheit, die mit dem spirituellen Ego eines solchen Pseudo-Meisters einhergeht. Er ist ein Mensch, der in Gier und Ablehnung und in Nicht-Verstehen verstrickt ist. Und auch er erfährt Leid dabei.

Ein Pseudo-Meister ist eine große Versuchung für Sucher. Er braucht dich um sich in der Sonne der Anbetung vieler Schüler zu sonnen, um Macht zu erleben, um reich zu werden, oder seine Sexualität zu leben. Daher ist er eher bereit deine Erwartungen zu erfüllen als ein Meister. Vielleicht sieht er sogar meisterlicher oder heiliger aus, benimmt sich so und spricht so wie man es von einem Meister erwartet. Wenn ein Schüler, der auf Anerkennung, Zuwendung oder Bestätigung hofft, auf einen solchen Pseudo-Meister trifft, dann ist der Schüler leicht bereit sich ausnutzen zu lassen, denn er braucht wiederum den Meister dazu. Der Kuss, der eigentlich schon eine Verletzung der sexuellen Würde war, wird als Anerkennung des Meisters verbucht und die Nacht in den Armen des Pseudo-Meisters wird als Hingabe missverstanden. Nicht-auf-eigenen-Füßen-stehen, Dummheit und Trägheit werden als Vertrauen missverstanden. In Wahrheit ist Selbstvertrauen die Basis jedes Vertrauens. Du brauchst Vertrauen in die grundlegende Gutheit in dir!

Missbrauch und all diese Dinge werden oft im Dunkeln gehalten – man spricht nicht darüber. Alles was wir versuchen im Schatten zu halten, alles was wir zu verschweigen oder zu vermeiden versuchen führt nur zu neuem Leid.  

Daher war ich, als ich gebeten wurde zu diesem Thema zu schreiben, gerne bereit dazu. Es ist naturgemäß ein schwieriges, vielschichtiges und leicht zu Missverständnissen führendes Thema, und ich werde es hier sicher nicht in allen Aspekten beleuchten können. Zu allen Zeiten und auch in unserer Zeit gibt es mindestens so viele Pseudo-Meister wie Meister. Hier ist die Weisheit der Unterscheidung angebracht. Und die kann auch als einfache gesunde menschliche Kritik auftreten. Um diese Weisheit und Bewusstheit in euch zu stärken, möchte ich euch einen Geschmack vermitteln und lasse einfach mein Herz sprechen:

Eine Meister-Schüler-Beziehung ist einer Liebesbeziehung ähnlich. Nur ist sie noch intimer als diese, und du öffnest dein Herz noch mehr. Diese Intimität ist eine Intimität des Herzens und hat nichts mit Sexualität zu tun.

Mir erging es so mit Osho. Bereits als ich vor 25 Jahren erstmals in Kontakt mit seinen Werken und mit Bildern von ihm kam, hüpfte mein Herz und freute sich – ganz ähnlich wie wenn man sich verliebt. Bereits damals war mir klar, dass ich mich auf ihn als Meister nur mit Haut und Haaren oder aber gar nicht einlassen kann. Alles andere wäre unecht gewesen. Als von Natur aus kritischer und vielleicht auch manchmal zögerlicher Mensch brauchte ich mehr als 10 Jahre bis ich das nötige Vertrauen und den Mut aufbringen konnte, diesen Sprung ins Unbekannte zu wagen. Erst als ich dazu bereit war, konnte Osho mich in einer Weise erreichen, die über Worte hinausging, ich geriet in Flammen und nahm Sannyas.

Dieses tiefste Vertrauen und dieses in Flammen stehen, die Bereitschaft ins Unbekannte zu springen, und die Hingabe sind auf Seiten des Schülers notwendig. Das Nicht-Vorhandensein eines Ego, einer Person (persona lat. heißt Maske!) auf Seiten des Meisters. Nur das erlaubt klares Spiegeln. Der Meister ist ein Spiegel für den Schüler und eine Tür ins Unbekannte. In dieser intimsten Beziehung, die uns Menschen möglich ist, begegnete ich in aller Tiefe einem Niemand, und diese Beziehung endete vor einigen Jahren in der Begegnung zwischen Niemand und Niemand. Kein Unterschied blieb.

Der Meister ist ein Vorwand für den Schüler in Vertrauen und Hingabe zu sein. Zu keinem Zeitpunkt geht es wirklich um Hingabe an den Meister, sondern es geht nur um Hingabe an das Göttliche selbst. Der Meister fordert dich dazu heraus, er lockt dich. Er dient dir als Tür und hilft dir, dein Ego zu durchschauen und die Illusion und das Leiden an der Wurzel zu durchschneiden. Er will dir nichts aufzwingen oder dich irgendetwas glauben machen, er stülpt dir nicht seine Prinzipien über, und er will vor allem deine Freiheit. Ein Meister wird dich herausfordern selbst zu sehen, selbst zu überprüfen, selbst zu erforschen. Er wird nicht eine Konditionierung durch eine andere ersetzen, ein Muster durch ein anderes. Er gibt dir keine Formel, kein Wissen. Er wird dir sagen, dass er dir eigentlich gar nichts geben kann, da alles, was von wahrem Wert ist, bereits in dir ist. Und dennoch gibt dir seine Präsenz Stille, Weisheit und Verstehen. Gleichzeitig kann er auch wild oder herausfordernd sein, denn schließlich geht es um das Sterben des Ego. Und er wird dich auffordern mit allen Fasern deines Wesens zu verstehen. Er macht dich nicht abhängig, sondern wird dich auffordern du selbst zu sein, zu wachsen und zu blühen. Er spricht authentisch und ahmt nicht nach, plappert nicht nach, sondern spricht aus ureigenster Autorität und eigenem Erfahren. Er wird dich nicht auffordern ihm zu folgen, sondern mit ihm in Stille zu sein. Und vor allem: Er lebt das was er sagt – auch in seinem Alltag.

Dazu sind absolute Authentizität, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit notwendig. Der Meister muss selbst ein Niemand geworden sein und alle Masken abgelegt haben. Er ist Sein, nicht Schein. Der Raum der Meditation, der Raum der Liebe und des Respekts vor allen Wesen, das Mitgefühl sind die Quelle aus der er handelt und spricht. Seit drei Jahren gebe ich nun Satsang und viele Menschen betrachten sich als meine Schüler. Und ich bin bereit die Rolle des Meisters anzunehmen. Für mich ist es dabei essentiell, ständig zu überprüfen, ob Handlungen und Sprechen aus dem unendlichen Raum der Stille und der Liebe heraus geschehen, oder ob sich irgendeine Gier, irgendein Machtstreben oder irgendeine sonstige Anhaftung einschleichen. Und sollte es jemals so sein, bin ich immer bereit, allem was auftauchen mag in Offenheit zu begegnen. Denn Sicherheit gibt es nicht, solange wir in einem Körper leben. Ich bin offen und ungeschützt in allen Begegnungen. Der Frieden ist unerschütterlich und doch betrachte ich mich nicht als fertig, denn es gibt kein Ziel und kein Ende in der Unendlichkeit des Raumes. Und so entdecke ich weiter, praktiziere weiter, lerne weiter und sitze weiter in Stille, und lasse mich tiefer und tiefer sinken in das ewige Mysterium. Meinen Schülern bin ich dankbar, dass sie bereit sind, mit ihren Herzen zu hören, dass sie bereit sind zu wachsen und ins Unbekannte zu gehen, dass sie so verschieden sind und immer individueller werden, immer stiller und friedlicher und mitfühlender.

P.S.: Der Einfachheit halber habe ich immer von Meister und Schüler geschrieben, meine aber natürlich sowohl Meister als auch Meisterinnen und Schüler genauso wie Schülerinnen.

Pyar