Artikel für Connection Ausgabe Mai-Juni 2004-03-15

Wege zum Erwachen

Dieser Titel verführt dazu anzunehmen, dass es eine Landkarte, eine sichere Handlungsanweisung, Gebrauchsanweisung oder ähnliches zum Erwachen gäbe. Da muss ich euch enttäuschen – so etwas gibt es nicht. Und das ist sehr gut so, denn es geht hier um das Hinter-Sich-Lassen jeglicher Sicherheit, jeglicher Haltegriffe, jeglicher Konzepte. Es geht um ein sich öffnen und öffnen und öffnen. Es geht immer ins Unbekannte. Es geht um Loslassen und Loslassen und Loslassen. Du wirst stiller und stiller und verlierst dabei alles, bis du dich selbst verlierst als Person und nur das Göttliche bleibt. Und selbst dann geht die Reise weiter.

„Unzählbar sind die Tore des Erwachens – ich gelobe sie alle zu durchschreiten“, heißt es im Bodhisattva-Gelübde, wie es im Zen-Buddhismus formuliert wird. Ja, unzählbar sind die Wege, die Tore, die Pfade. Und all diese Wege und Tore und Pfade sind weglos, pfadlos, torlos. Es gibt keine Landkarte, keine Garantie, und vor allem gibt es kein Ende des Weges. Es gibt keinen Punkt auf diesem weglosen Weg, an dem man sagen könnte: „Das war’s. Das ist es. Das ist der Gipfel aller Gipfel und hier bleibe und ruhe ich jetzt.“ Die Reise ist unendlich. Die Entdeckung und Erforschung und Enthüllung geht weiter. So bleiben wir als Menschen gefordert in Liebe und Weisheit und Achtsamkeit zu wachsen bis zu unserem letzten Atemzug. Dennoch gibt es Punkte der Transformation, des Hinübergehens auf diesem Weg, die nicht umkehrbar sind. Die Inder sagen dazu: Du kannst wohl aus Milch Joghurt machen, aber aus Joghurt keine Milch zurückgewinnen.

Mit den Wegen zum Göttlichen ist es wie mit den Wegen, die auf einen Berg führen. Sie sind anfangs breit und bequem und je höher du steigst, umso weiter wird der Blick und umso enger der Weg. In der Felsregion wird es steil und mancher Grat ist zu überwinden. Und es gibt auf dieser Reise kein Seil und keinen Haken. Viele Wege führen auf einen Berg – sie treffen sich jedoch. Und am Ende ist es ein Weg. In Indien spricht man z.B. vom Weg des Jnana, des Erkennens, der Meditation und vom Weg des Bhakti, der Hingabe, der Liebe. Wenn ein Mensch über den Weg des Erkennens, der Meditation kommt, dann wird und muss irgendwann Hingabe und Liebe hinzukommen und umgekehrt.

Was es gibt, sind Hinweise, sind Handreichungen, sind Methoden und Werkzeuge, und es gibt Menschen, die dir vielleicht ein wenig voraus sind auf diesem weglosen Weg und dir beistehen, dich herausfordern, dich locken können. Diese Werkzeuge und Methoden sind wie Bergschuhe oder andere Ausrüstung, die sinnvoll ist, wenn du dich auf eine Bergtour begibst. Es ist klug sie zu nutzen. Und es ist klug, die Schuhe und auch die Wege nicht ständig zu wechseln.

Hilfreich ist ein Mensch, der Wege an diesem Berg aus eigenem Erfahren kennt, der selbst in Fallen getappt ist, der gefallen und wieder aufgestanden ist, der die Richtung und die Landschaft kennt. Ein solcher Mensch – ein Meister oder ein spiritueller Freund kann die Hand reichen, kann deuten, kann Hinweise geben. Das ist von unschätzbarer Kostbarkeit, und ich bin zutiefst dankbar für all die Hilfe, die mir zuteil wurde, und doch muss jeder selbst gehen.

Erwachen ist kein Erreichen, kein Ergebnis deiner Anstrengung, sondern ist der natürliche Zustand deines Wesens. Es geht nur darum zu erinnern und darum alles wegzulassen, was dem im Wege steht. Der Sufi-Mystiker Rumi erzählte dazu folgende wunderschöne Geschichte:

„Der Prophet sagte: ‚Es gibt einige wenige, die mich durch dasselbe Licht sehen, durch das ich sie sehe. Unsere Naturen sind Eins. Ohne Bezugnahme zu einer Linie oder Tradition trinken wir das Lebenswasser zusammen.’ Hier ist eine Geschichte über dieses verborgene Mysterium:

Die Chinesen und die Griechen stritten sich darüber, wer von ihnen die besseren Künstler seien. Der König sagte: ‚Wir werden diese Angelegenheit in einer Debatte bereinigen.’ Die Chinesen begannen zu sprechen, aber die Griechen sagten kein Wort und verließen den Raum. So schlugen die Chinesen vor, dass jeder einen Raum bekommen sollte, um mit seiner eigenen Kunst zu arbeiten. Es sollten zwei Räume sein, die sich gegenüberliegen und durch einen Vorhang getrennt sind. Der König stimmte zu. Die Chinesen baten den König um hundert verschiedene Farben und begannen ihre Arbeit. Jeden Morgen gingen sie erneut zu dem Raum, in dem die Farben aufbewahrt wurden und nahmen sie alle mit. Die Griechen nahmen keine Farben oder anderes Material mit sich, als sie in ihren Raum verschwanden. Sie sagten: ‚Farben gehören nicht zu unserer Arbeit.’ Sie gingen in ihren Raum und begannen die Wände zu säubern und zu polieren. Den ganzen Tag, viele Tage lang machten sie diese Wände so klar  und rein wie einen offenen Himmel. Es gibt einen Weg, der von allen Farben zur Farblosigkeit führt. Wisse, dass die wunderbare Vielfalt der Wolken und des Wetters von der totalen Einfachheit der Sonne und des Mondes kommt. Die Chinesen beendeten ihre Arbeit und sie waren sehr glücklich. Sie schlugen die Trommel aus Freude über die Vollendung. Der König betrat ihren Raum. Er staunte über die großartigen Farben und den Detailreichtum ihrer Malerei.  Die Griechen zogen den Vorhang zur Seite, der die Räume getrennt hatte und die Figuren und Bilder der Chinesen reflektierten schimmernd auf den klaren Wänden der Griechen. Die Bilder lebten dort sogar noch schöner und änderten sich immer im Licht. Diese griechische Kunst ist der Sufi-Weg. Sie machen ihre Liebe klarer und klarer. Kein Wollen, kein Ärger. In dieser Reinheit empfangen und reflektieren sie die Bilder jedes Momentes. Von hier, von den Sternen und von der Leere. Sie nehmen sie hinein, indem sie sie sehen mit derselben lichten Klarheit, die sie sieht.“

Ja der Weg ist Wände polieren, leer werden, leer, leer, leer. Leer von euch.

So ist jeder Weg ein Nicht-Weg, jede Methode eine Nicht-Methode des Weglassens, des Polierens, des Schleifens. Kein Hinzufügen, kein Erreichen, kein Ansammeln sondern entleeren. Was bleibt? Leere Hände, die überfließen.

Ein weiteres Bild hierzu ist der Acker, der gepflügt wird. Ja, du kannst den Acker pflügen und kannst Samen säen, kannst düngen und Unkraut jäten. Das ist unser Job, dazu dienen all die Wege und das ist notwendig. Das Wachsen der Frucht liegt jedoch nicht in unserer Hand. Und irgendwann… die Begegnung jenseits jeder Begegnung. Sie ist jenseits jeder Begegnung, da du Gott nie treffen kannst. Erst verschwindest du, Gott bleibt. In dieser Begegnung bleibt nur einer. Und du erkennst die Phänomene in ihrer Würde und ihrer Vergänglichkeit, in ihrer Vernetztheit und Bedingtheit in Raum und Zeit. Und du kehrst zurück zur klaren Natur deines Geistes, in der es keine Grenze gibt – überfließend in Freude und Liebe.

Ja, die Buddhanatur in dir ist von Anbeginn da, ist dir näher als deine Nasenspitze. Und doch ist ein Weg nötig, ist pflügen und polieren nötig. Das ist ein Paradox, aber Paradoxa sind ein Kennzeichen der Wahrheit. Ich beobachte in den letzten Jahren bei einigen Menschen die Hoffnung auf ein Erwachen ohne dabei etwas zu verlieren, ohne einen Preis zu zahlen, auf ein Erwachen ohne Weg, ohne Praxis, ohne Mühe. Das ist ein Traum, ein wunderschöner spiritueller Traum. Der Weg ist zu gehen, auch wenn er von hier nach hier führt. Und die Bereitschaft ist nötig, zu fallen und wieder aufzustehen und weiter zu gehen – wieder und wieder.

Ein weiterer sehr verbreiteter spiritueller Traum besagt, dass Erwachen das Ende jeden Schmerzes, jeder Traurigkeit, jeder unangenehmen Erfahrung oder jeder Herausforderung sei. Das ist nicht wahr. Die Herausforderungen steigen. Mein Erfahren ist folgendes: Ich bin sehr berührbar, mein Herz hat keine Tür, die ich schließen könnte. Diese Berührbarkeit schließt Verletzbarkeit ein. Und diese Berührbarkeit schließt die Erfahrung von Schmerz, Traurigkeit und ähnlichem ein. Ich hatte in den letzten Monaten Gelegenheit hier tiefer zu untersuchen und zu forschen. Dafür bin ich sehr dankbar. Mein Eindruck ist, dass ich Schmerz und Trauer sogar wesentlich stärker empfinde als früher. Der Unterschied ist, dass selbst in heftigstem Schmerz oder Trauer gleichzeitig die stille Freude, die unendliche Kostbarkeit und die Friedlichkeit unverändert, unverrückt, unerschüttert vorhanden sind. Und daher sind da sehr wohl die Erfahrung von Schmerz, aber kein Leiden und kein Widerstand, kein Kampf. Und ich möchte diese Erfahrung nicht missen, denn ich will berührbar sein. Und bin bereit den Preis zu zahlen. Eine weitere Beobachtung ist, dass bestimmte Emotionen wie Zorn oder Eifersucht, die ich als meine gewohnte Reaktion von früher kenne,  nicht auftauchten. Ich versuchte sogar sie zu produzieren. Es gelang nicht. Also gibt es sehr wohl ein Ende von Leiden und ein Ende von gestörten Emotionen. Es ist wirklich möglich die Wände zu polieren. Und ja, man kann aus Milch Joghurt herstellen, aber aus Joghurt keine Milch gewinnen.

Alles was als spiritueller Weg bezeichnet wird ist nichts weiter als ein Paar Bergschuhe oder Schleifpapier um die Wände zu polieren oder ein Pflug, der dir in die Hand gegeben wird. Und dann musst du die Schuhe anziehen und gehen, musst die Wand polieren, musst den Pflug benutzen; und darfst nicht denken, die Schuhe selbst oder der Pflug selbst seien das Ziel. Nein, sie sind Mittel, Methoden. Es gibt viele solcher Methoden und Wege, und alle haben ihre Berechtigung. Ob du nun einen Sufi-Pflug, einen Zen-Pflug, einen Pyar-Pflug, einen christlichen Pflug, einen Osho-Pflug oder einen Satsang-Pflug benutzt, einige Dinge sind dabei immer wichtig. Ich nenne sie vorbereitende Übungen, die sehr weit führen. Sie selbst sind Wege den Acker zu pflügen, auf dass der Same sterben und der Keim auferstehen kann, die Wände zu polieren, bis sie alles Eigene verlieren und den offenen Himmel spiegeln:

  1. Ausrichtung, Entschlossenheit, Dringlichkeit, Rückhaltlosigkeit und Treue. Und diese müssen wachsen, je mehr sich dir die Kostbarkeit des Einen enthüllt.
  2. Innehalten, Still sein.
  3. Es ist auch eine Frage des Standpunkts, eine Frage der Sichtweise. Von wo aus blickst du, von wo aus handelst du, und wie blickst und handelst du?
  4. Absichtslosigkeit. Ja – Ausrichtung bei gleichzeitiger Absichtslosigkeit. Hier keimen Hingabe und Geduld.
  5. Ehrlichkeit, Offenheit. Kein spirituelles Mäntelchen. Kein sich etwas vormachen, sondern direkte nackte Begegnung mit dem was ist – im Innen und Außen.
  6. Berührbarkeit. Ein offenes Herz – eine weiche Stelle, die berührbar ist in dir und wächst und wächst. Die Berührbarkeit lässt dein Herz überfließen in Dankbarkeit, auch wenn du das Risiko eingehst gesehen zu werden und auch gelegentlich Schmerz zu erfahren.
  7. Respekt und Dankbarkeit. Respekt vor dir, vor allen Wesen, vor der Erde, der Natur, diesem wunderbaren Netzwerk der Existenz und vor dem Mysterium, das kein Ende hat. Dieser Respekt rückt sich auch in konkretem Handeln aus.
  8. Die Bereitschaft dazubleiben, sich nicht abzuwenden, nicht zu fliehen, sich nicht zu verstecken.
  9. Die Bereitschaft immer am Anfang zu stehen und einen Schritt nach dem anderen zu tun. Immer ein Schritt von genau dem Punkt aus, an dem ich stehe.
  10. Nicht immer nur um sich selbst kreisen. Nach und nach lernen das Festhalten in Großzügigkeit zu verwandeln, die Eile in Geduld, den Zorn in Mitgefühl. Mehr und mehr aufhören in Ich und Ich und Ich zu denken und anfangen für das Ganze zu sein.
  11. Loslassen von Konzepten, Moralitäten, Ideen.
  12. Bewusstheit über die Kostbarkeit und Chance der menschlichen Geburt, über die Vergänglichkeit aller Phänomene, über die Leidhaftigkeit der Egohaftigkeit, der Verblendung, der Gier, der Ablehnung, und über die Gesetzmäßigkeit von Ursache und Wirkung und gegenseitiger Bedingtheit in der Welt der Phänomene.

Und ein Letztes: Es ist gut den Weg zu prüfen und den Bergführer zu prüfen, bevor ich mich ihm anvertraue. Diesem Prüfen sind natürlich aufgrund der Eingeschränktheit der eigenen Bewusstheit enge Grenzen gesetzt. Aber es gibt ein paar Kriterien. Die Taoisten sagen, du erkennst einen Meister an Freude, Furchtlosigkeit und Mitgefühl, die unerschütterlich sind.

Pyar

© 03/2004 Pyar