"Visionen 1/2001":
Zur Wirklichkeit erwachen, und was dann? Ein Gespräch mit Pyar.
Die
Empfindung, eine vom Rest der Welt getrennte Person, ein ganz besonderes ich
zu sein, ist eine sehr reale und zugleich realitatsstiftende Überzeugung - so
verbreitet, dass die meisten sie für normal und richtig halten. Laut Advaita
Vedanta ist diese Trennung illusionär, und die Wahrheitssuche besteht darin,
sich aus dieser Illusion zu befreien, deren Ursache das wünschende denkende
Ego ist, und mit DEM was allem zugrundeliegt und alles ist, eins zu werden.
Das Erwachen zur Wirklichkeit bedeutet deshalb die endgültige Aufgabe des Egos,
das aus dem Bewusstsein durch Anhaften und unkontrolliertes Denken entstanden
war.
Über diesen Prozess und das Leben danach sprachen wir mit Pyar. Die in München
lebende Ärztin, zeitweilig Schülerin von Bhagwan/Osho und zuletzt von Samarpan
Golden, erlebte vor etwa zwei Jahren den Durchbruch, nachdem sie 22 Jahre lang
sporadische Erfahrungen von lchlosigkeit und Leere gemacht hatte.
Erwachen hat nichts mit Denken zu tun.
Visionen: Der Mensch ist im Grunde ein geistiges Wesen, die Einheit des Geistes – Gottverwirklichung sagt man auch dazu – ist sein Ziel, seine Bestimmung. Wie erklären Sie den Begriff "Erwachen“?
Pyar: Erwachen ist die direkte Realisation, dass es mich als getrennte Person gar nicht gibt und dass es nichts anderes gibt als reines Sein - ungetrennt von Allem. Aber nicht im Sinn von Das habe ich gelesen oder gehört und verstanden mit dem Kopf, sondern direkte Realisation. Es hat nichts mit Denken zu tun.
V: Es bedeutet also auch nicht eine Revision unserer Einstellung zum Leben - die ist vielleicht eine Konsequenz –
Pyar: Richtig.
V: - und es bedeutet nicht dass wir eine Brille ablegen, und dafür eine andere aufsetzen.
Pyar: Nein, es ist das Ende aller Brillen und Filter, weil dann die Tatsächlichkeit der Dinge, wie sie im Moment sind, ganz klar wahrgenommen wird ohne Vorstellung, ohne Konzept, ohne Wunsch, ohne Ablehnung. Sondern einfach was jetzt ist: die So-heit der Dinge.
Visionen: Es gibt zur Zeit eine Fülle von Büchern, Zeitschriften usw. über spirituelles Erwachen, und ich denke es kommt sehr häufig vor, dass man bei dem Gedanken an Erwachen stehenbleibt, sich mit dem Gedanken an Gottverwirklichung identifiziert, statt alle Gedanken und Wünsche loszulassen und sich wirklich hinzugeben.
Pyar: Richtig, richtig.
V: Und an diesem Punkt besteht viel Täuschung.
Pyar: Ja, und oft sind es sehr subtile Täuschungen, die selbst für den Getäuschten schwer zu durchschauen sind. Das sind die subtilen Schichten von Ego — spirituelles Ego. Selbst bei einem Jemand, der sagt: „Ich bin niemand“.
V: Ist das Erwachen, verstanden als die Verwirklichung des Nicht-Getrenntseins von Allem, vom Sein, das Ziel des menschlichen Lebens, oder geht es danach noch weiter?
Pyar: Gute Frage. Diese Worte: Erleuchtung, Erwachen, Selbstrealisation sind inzwischen (auch gerade unter dem eben erwähnten Aspekt) so sehr abgegriffen, missbraucht und bereits wieder mit Konzepten und Vorstellungen belegt, dass man sie hier schon gar nicht mehr gebrauchen kann. Und alles was ich hier sage, ist knapp daneben. Sobald es die Transzendenz betrifft, kann man es mit Worten nicht adäquat ausdrücken. Denn mit diesem Hirn kann ich das, was nicht-zwei ist, nicht denken, geschweige denn sprechen. Davon abgesehen ist die Realisation. dieses ganz klare. unbezweifelbare Erkennen der Anfang von etwas und nicht das Ende - und dieses Erkennen hat kein Ende. Alpha und Omega wäre vielleicht die westliche Ausdrucksweise. Anfang und Ende, und keines davon und beides. Aber wichtig finde ich das Praktische. Ich beobachte, dass viele Menschen Erwachenserfahrungen haben, und dann passiert es leicht, dass dieses spirituelle, subtile Ego reinkommt und sagt: Ich hab‘s, jetzt bin ich da-da-da. Das ist eine große Falle. Eine Erwachenserfahrung geschieht aus Gnade. Und dann ist es wichtig, ganz klar und tief und mit 100%-iger Bereitschaft sämtliche Ego-Reste, Anhaftungen (Vasanas, wie sie die Inder nennen) anzuschauen und sie auflösen zu lassen.
V: Wie werden sie aufgelöst?
Pyar: Indem ich bereit bin, ihnen ins Gesicht zu schauen.
V: Bedarf es einer Vorbereitung durch die geistige Praxis der Meditation? Oder ist das Erwachen ein Hoppla-hopp-Ereignis aus Gnade?
Pyar: Es scheint bei den verschiedenen Menschen unterschiedlich zu sein. In den spirituellen Schulen wird Wert auf Praxis gelegt: Meditation, Gebet, Sadhana. Aber es gibt Berichte von Menschen, bei denen das Erwachen spontan geschah, wie z.B. bei Suzanne Segal. Sie hatte zwar Transzendentale Meditation praktiziert, sie aber schon lange vorher aufgegeben, und deshalb hat sie mit dem Geschehen überhaupt nicht gerechnet. Oder Robert Adams, dem es mit 14 während einer Mathematik-Schulaufgabe geschah. Hier ist es so passiert, dass ich dieses Ich einfach verloren habe, das erste Mal auch mit 14, aus einem Schock. Und anderen Menschen passiert es nach jahrelanger oder lebenslanger meditativer Praxis. Es ist völlig individuell - es gibt da keine Regel und auch keine Garantie, kein Rezept.
V: Da spielt das Element der Gnade also doch eine Rolle.
Pyar: Absolut.
V: Ich denke, viele Menschen haben eine gewisse Angst davor, sich zu verlieren. Eine Sorge ist: „Wie bewältige ich dann den Alltag? Was wird aus meinem Leben? Ich kann doch nicht die Hände in den Schoß legen und einfach alles um mich herum geschehen lassen! “Wie geschieht Handeln im erwachten Zustand?
Pyar: Es ist absolut nicht so, dass ich irgendwo in der Ecke sitzen und die Hände in den Schoß legen würde. Ich habe eine 60-70-Stunden-Woche: in der Praxis, und dann Satsang, Korrespondenz und Interviews. In diesem Leben ist es so, aber bei einem anderen kann es anders aussehen. Auch das ist individuell. Es gibt keine Regel wie ein erwachtes Leben aussieht, sondern es ist genau das Leben, das sich in dieser Form leben möchte. Der Unterschied ist, dass hier kein Widerstand besteht gegenüber dem was geschehen will. Das ist okay für mich. Nur jetzt - es geschieht einfach was ansteht. Und bei allem was geschieht, es steckt keine Absicht dahinter. Es wird einfach gehandelt, aber nicht weil ich irgendetwas davon wollte, mir erhoffen würde oder irgendetwas vermeiden wollte.
V: Also ohne selbst etwas zu wünschen?
Pyar: Da kommt es darauf an, von welchem Standpunkt man es betrachtet. Vom Standpunkt der Dualität betrachtet, von Pyar als Person: Es ist wunderschön, einfach ein Fließen mit dem was jetzt ist. Vom Standpunkt der Absolutheit betrachtet, ist es das göttliche Wollen.
V: Stehen, wenn man erwacht ist, Rückwirkungen von früheren Handlungen noch aus, oder ist die ganze karmische Saat mit dem Ich zusammen ausgelöscht?
Pyar: Wenn eine Erwachenserfahrung geschehen ist (die Japaner nennen es Satori) heißt es nicht, dass das Ich bereits ausgelöscht ist. Das wird oft nicht verstanden und führt zu neuen Verwicklungen. Denn dieses Ich kann durchaus wieder auftauchen: Anhaftungen, Vasanas, die eigenen Tendenzen. In dem Moment, wo Anhaftungen da sind, gilt das Gesetz von Ursache und Wirkung. Wenn aber tatsächlich kein Ich mehr da ist, auf wen sollten Ursache und Wirkung zutreffen? Es geht eigentlich um die Beendigung von Leiden.
V: Bleibt nach dem Erwachen der Charakter?
Pyar: Es ist da eine Form. und diese Form heißt Pyar. Da ist ein Verstand, da sind Gefühle, da ist ein Körper, da sind bestimmte Eigenschaften. Ja, das ist die Form in all ihrer Individualität. Aber kein ich.
V: Ist das Leben eines erwachten Menschen ständig voller Glückseligkeit und Ekstase? Viele verbinden mit Erwachen einen Zustand, in dem man auf rosaroten Wolken wandelt.
Pyar: Nein, nein! Das ist ein großes Missverständnis und war auch für mich über lange Zeit ein großes Missverständnis. Man schwebt nicht auf rosaroten Wolken. Es gibt gute und schlechte Tage, es gibt Schmerz, es gibt Freude, es gibt Emotionen, es gibt Widrigkeiten im Leben, es gibt leichte Dinge im Leben - und was es nicht gibt, ist Leiden. Wirklich kein Leiden. Was auch immer gerade ist, ob Schmerz oder Freude: Es ändert wirklich nichts an dem Frieden, an der Stille. Das ist der Punkt. Glückseligkeit ist nicht dieses Yippie-Hippie-Gefühl, das jeder aus dieser oder jener Situation kennt, sondern Glückseligkeit ist etwas ganz Feines, sie ist ein Attribut des Friedens. Sie ist nicht ein spezielles Gefühl, ist keine Erfahrung. Überhaupt ist alles worüber ich spreche, nicht Erfahrung, sondern Sein. Denn zu einer Erfahrung gehören zwei: eine Erfahrung und ein Erfahrender. Glückseligkeit: ja, aber nicht im Sinn von rosa Wolke und Ekstase, denn diese Erfahrungen haben einen Anfang und auch ein Ende. Sie ist der Duft des Friedens.
V: Sie sind Ärztin, und in Ihrer beruflichen Praxis begegnet Ihnen sehr viel Leid und Schmerz. Wie gehen Sie mit dem Leiden anderer Menschen um?
Pyar: Da ist Mitgefühl, aber kein Mitleid. Nichts Kitschiges, sondern erstens ist da ganz praktisches Handeln. Wenn jemand sich einen Splitter eingezogen hat, werde ich die Pinzette nehmen und den Splitter rausholen. Oder wenn jemand Kopfschmerzen hat, werde ich ihn akupunktieren oder ihm Tabletten verschreiben. Also ganz normales ärztliches Handeln, aber da ist kein Handelnder (lacht). Es geschieht was angesagt ist, was ansteht, und gleichzeitig, insbesondere was die emotionalen Verstrickungen angeht, es wird einfach gefühlt.
V: Man stellt sich nämlich vor, dass eine erwachte Person von Mitgefühl überwältigt wird, ganz darin aufgeht.
Pyar: Wer geht auf darin?! (lacht) Da ist keiner, der überwältigt werden könnte.
V: Der Mensch sehnt sich nach nichts mehr als Frieden. Gleichzeitig gibt es sehr viel Streit, Aggression und Egozentrik in der Welt. Ist Frieden im Diesseits nur unter Erwachten möglich?
Pyar: Keine Ahnung. Aber alle Formen von Krieg - die großen und die kleinen, die zwischen Völkern und die in den Familien - entstehen aus „ich will etwas für mich, für meine Familie, für meine Religion. für meine Partei, für mein Volk!“ Genauer, es entsteht aus Ich will, „ich will etwas erreichen, ich will etwas verhindem, ich will etwas schützen, ich will etwas festhalten“. Ohne dieses Festhalten-Wollen, Erreichen-Wollen, Schützen-Wollen, Verhindem-Wollen gibt es keinen Grund für Krieg, weder für die kleinen noch für die großen. Wichtig ist es, mit den kleinen anzufangen.
V: Was empfiehlst du dem Menschen auf der Straße, der Frieden schaffen möchte? Wo kann er anfangen?
Pyar: Bei sich. Frieden in sich schaffen. Das bedeutet, die eigenen Schattenseiten zu integrieren, anzunehmen, ganz zu werden. Die eigene Wut, den eigenen Ärger, den eigenen Schmerz ins Herz zu nehmen, zu fühlen und die Erfahrung davon nicht zu vermeiden.
V: Sehr viele unfriedliche Aktionen beginnen damit, dass man vor lauter Schmerz nicht mehr klar sieht.
Pyar: Wenn ich mich in den Außenbereichen, in den oberflächlicheren Schichten eines Gefühls bewege, da ist Verwirrung, Blindheit und Fluchttendenz. Aber wenn der Schmerz wirklich in vollkommener Bereitschaft und in aller Tiefe gefühlt wird, ohne auf ein Ende zu warten oder zu hoffen, dann finde ich am Grund davon Klarheit. Die unfriedlichen Aktionen werden unternommen um den Schmerz zu vermeiden, weil ,,ich das nicht haben will“. Es soll sich ändern, es soll anders sein. Aber in dem Moment, wo ich ja sagen kann zu dem was ist, so schrecklich es indem Moment auch sein mag, ist der Kampf vorbei. Das Leiden entsteht aus dem Widerstand, aus dem Kampf, aus dem Ich will‘s nicht so, wie es ist. Ich will es ändern. Ich will das nicht. Das macht Leiden: Ablehnung von dem was ist; Haben-Wollen von dem was nicht ist, Nicht-Sehen was ist. Und daraus setzt sich das Ich, das Ego zusammen. Das Ego ist eine Fiktion, nur ein Gedanke, der versucht verschiedene Teile - den Haufen von Fleisch und Blut und Knochen, von Gefühlen, die kommen und gehen (eine sehr instabile Geschichte), und Gedanken, die kommen und gehen - zu kristallisieren zu einem Punkt, der dann sagt: ,,lch".
V: Vielen Dank für dieses Gespräch!
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