Für Mensch und Sein Mai 2002

"Ich erinnere mich so oft wie möglich daran, ins Hier und Jetzt zurückzukommen, was ganz eindeutig zu meiner Mitte und zur Wahrheit führt. Aber oft wird dieses ständige Hin und Her zum Krampf, zur Anstrengung, und das Spielerische bleibt auf der Strecke und ist nur noch Anstrengung. Kannst du mir helfen?"

Es ist wunderbar, wenn du dich immer wieder erinnerst ins Hier und Jetzt zurückzukommen. Der natürliche Zustand kann immer nur Hier und Jetzt sein. Jedes Kämpfen und Krampfen kommt aus dem Versuch, das was hier und jetzt zu erfahren ist zu vermeiden oder etwas zu bekommen oder zu erreichen, was jetzt nicht da ist. Die Erfahrung, die Hier und Jetzt auftaucht, kann durchaus auch mal Anstrengung sein – was ist dagegen einzuwenden? Wenn du also Anstrengung verspürst – wie wäre es, wenn du einfach dieses Gefühl von Anstrengung akzeptierst und annimmst? Schau mal was du dann findest! Anstrengung kann sogar manchmal spielerisch sein. Ich habe kürzlich mit einem jungen Hund gespielt - es war ein ziemlich großer starker junger Hund, der sicher ein riesiger erwachsener Hund werden wird. Er strengte sich an in diesem Spiel und ich strengte mich auch an und wir hatten beide Spaß dabei. Anstrengung darf sein im Leben auf dieser Welt. Das Leben besteht aus einem Wechsel von Zusammenziehung und Entspannung – das Herz zieht sich zusammen und entspannt sich, die Lungen genauso. Wenn Herz oder Lungen immer entspannt sind, dann ist der Körper tot. Das Universum selbst dehnt sich aus und zieht sich zusammen – zumindest nach Meinung einiger Wissenschaftler. Alles ist in ständiger Bewegung und Veränderung in dieser Welt der Phänomene. Nichts bleibt bestehen – noch nicht mal Entspannung. Das Problem entsteht, wenn du aus ‚Hier und Jetzt sein’ ein Ziel machst. Dann wird ‚hier’ auf einmal zu ‚dort’ und ‚jetzt’ wird zu ‚dann’. Das Ego schreibt sich ‚Hier und Jetzt’ auf die Fahnen und kämpft darum hier und jetzt zu sein, indem es versucht von nicht-hier nach hier und von nicht-jetzt nach jetzt zu gelangen. Es kreiert einen imaginären Weg, wo kein Weg ist, ein imaginäres Ziel, wo kein Ziel ist, denn es kann nicht anders als in Gegensätzen zu denken, als zu kämpfen. Wenn das geschieht, dann rennst du einem Traum, einer Illusion von Hier und Jetzt hinterher. Da versucht das Ego dorthin zu gelangen, wohin es nie gelangen kann. Denn in der Ewigkeit des Jetzt, im Sein, in der Stille gibt es kein Ego. Ego kämpft sehr gerne und besonders gerne kämpft Ego gegen sich selbst. Kein Müssen! Kein „Ich muss oder will immer hier und jetzt sein“. Denn in diesem Gedanken von Müssen und Wollen geschieht bereits wieder eine Spaltung - ein Gedanke bekämpft den anderen, ein Teil von ich bekämpft den anderen. Spalte dich nicht! Sei ganz! Hier und Jetzt sein, heißt alle Ziele loslassen, jede Geschichte loslassen und einfach diesen Moment, mit allem was da erfahrbar ist, in all seiner Frische zu leben. Kämpfen ist eine Sache des Willens und Müssens. Jetzt Sein ist eine Sache der Hingabe und Wachheit. In Hingabe, in Wachheit im Jetzt – ganz genau Jetzt – verschwindet das Ego, und auch das ohne Kampf – es verdampft einfach. Es kann nur existieren in der Dualität von Vergangenheit und Zukunft, von Geschichte und Begehren, von Wunsch und Ablehnung. Es ist nie hier, nie jetzt. Genau Jetzt öffnet sich eine andere Dimension – Ewigkeit, Unendlichkeit – kein Wunsch, keine Ablehnung – nur Sein. Gott ist hier, Gott ist jetzt. Immer hier, immer jetzt – ewig – unendlich. Sei einfach da – und erwarte nichts davon! Das ist wichtig, erwarte nichts davon.

Pyar (copyright 05/2002 Pyar)