Rubrik SATSANG "Mensch & Sein" 11/01

"Viele Menschen, mich eingeschlossen, arbeiten daran, das Gute auf diesem Planeten mehr werden zu lassen. Wir arbeiten an unseren eigenen Schattenseiten, verstehen und integrieren viel. Wenn es nun aber die Dualität gibt, wird dann nicht mit jeder Bemühung um Reinigung und Positives automatisch das Negative mehr? Kann zum Beispiel das Attentat in New York das Ergebnis starker positiver Energien sein? Am Tag vor dem Anschlag beendete ich ein ,,Bewusstseins-Seminar“ in Amerika mit über 250 Teilnehmern."

Pyar:

" Nein, Gewalt auf der Welt ist nicht das Ergebnis positiver Energien. So mechanistisch funktioniert das Spiel von Yin und Yang nicht. Yin und Yang haben viele Möglichkeiten zu tanzen und eins aus dem anderen zu entstehen. Wenn Menschen sich keine Gewalt antun, dann gibt es immer noch Tag und Nacht, Sommer und Winter, Geburt und Tod. Die Menschen müssen nicht unfriedlich sein, damit der Tanz weitergeht. Aber was ist positive Energie? Energie ist Energie und zunächst nicht gefärbt. Die Färbung in gut und schlecht erhält Energie durch unser Denken. Solange wir in den Extremen von Gut und Böse denken, dabei zwangsläufig von einem zum anderen und wieder zurück wankend, und vor allem solange wir uns ein Bild vom Guten machen, es zu Etwas machen, dem wir nachstreben, solange herrscht Krieg in uns. Solange wir in uns polarisieren, ist da Kampf. Deshalb heißt es in der Bibel. man soll sich kein Bild von Gott machen. Alle Kriege werden für das Gute bzw. das, was jemand dafür hält, geführt. Oder wer hat je gesagt, er kämpfe für das Schlechte? Wenn wir aber den Mut aufbringen und bereit sind, den Schrecken, die Angst, die Unsicherheit, das Machtstreben, das Nicht-Wissen, den Kampf nicht irgendwo dort draußen anzusiedeln und zu vermuten, sondern spiegeln zu lassen und sehen, wo dieselben Mechanismen, dieselben Kriege, dasselbe Schwanken von einem Extrem zum anderen in uns selbst stattfindet, dann fühlen wir unseren eigenen Schmerz. Das ist tatsächlich die Integration, von der du schreibst. Wenn solche Integration geschieht, dann entsteht dabei kein neuer Schatten, sondern wenn du still und unbewegt in der Mitte von alldem bleibst, das Aufdämmem der Erkenntnis Dessen, was immer ungetrennt war, jenseits von Licht und Schatten. Da gibt es kein Wanken, keine Extreme, keine Bilder, da ist nur DAS. Und Das erkennend als dein Selbst, gibt es keine Trennung zwischen dir und anderen Wesen, alles ist in seiner Essenz Buddhanatur, die ganze Welt, alle Universen und alle Wesen. So entsteht, was die Tibeter unerschütterlichen Frieden nennen. Es ist wahrer Frieden, der über das, was wir normalerweise als Frieden bezeichnen und was doch nicht mehr ist als ein Waffenstillstand, weit hinausgeht. Unerschütterlicher Friede schließt alles ein. Er ist bedingungslos und nicht lala, und kann sogar in seiner Unerschütterlichkeit erschreckend wirken. Es gibt nur eine Möglichkeit für Frieden: den Krieg in jedem von uns zu beenden. Das Streben und das Ablehnen in uns zu beenden und einfach nur zu sein. Ruhend in Dem ist unfriedliches Handeln nicht möglich. Frieden nur im Außen schaffen zu wollen ist immer gescheitert. Im Angesicht der Gewalt an vielen Orten der Welt empfinde ich tiefen Schmerz und Trauer. Es ist Schmerz im Angesicht des Leidens, das da geschieht und es ist Schmerz im Angesicht der Eskalation des Ego, das da so deutlich wird in seiner Angst, in seinem Machtstreben, in senem Wahnsinn, wie in einem gigantischen Spiegel. Und gleichzeitig ist es immer dasselbe, immer dieselbe bittere Wurzel des Leidens im Großen wie im Kleinen. Immer dieselbe Gier, derselbe Hass, dieselbe Verblendung. Gleichzeitig ist in der Mitte all des Schmerzes und alles umgreifend immer Frieden, Liebe. Stille, offener Raum — vollkommen unberührt. Ich sitze, fühle, was zu fühlen ist und bin still und in Frieden und da ist Gebet — ohne Absender und ohne Adresse."

Copyright 2001 Pyar