Spiritualität und Therapie Für Sein Berlin 07-2003
Auf dem spirituellen Weg ist Integration, Erlösung alter Verletzung und alten Schmerzes, die Auflösung und Überwindung von Mustern und Anhaftungen genauso notwendig wie Meditation, Gebet, Sein in Stille.
Es geht hier nicht um Integration des Persönlichen. Aber es ist notwendig, dass in der Bereitschaft allem zu begegnen die unbewussten Inhalte des Geistes, die Haken und Ösen – Hindus und Buddhisten nennen sie Vasanas oder Anhaftungen, wir sagen vielleicht Trips oder Konditionierungen dazu – ins Licht, an die Oberfläche kommen. Es ist unabdingbar, all das anzuschauen, zu umarmen und sich transformieren zu lassen. Daran kommen wir nicht vorbei.
Dies wurde von keinem echten Mystiker jemals abgestritten, nur hatten die Menschen der Vergangenheit andere Methoden. Die Wüstenväter des Christentums z.B. haben sich eingehendst mit ihren Egostrukturen auseinandergesetzt, mit allem, was in ihnen an Gier, an Stolz, an was auch immer vorhanden war, indem sie in die Wüste gingen und als Methode Gebet, Fasten, Einsamkeit benutzten. Zwangsläufig kommen die gesamten Inhalte des Unterbewusstseins hoch, wenn du allein in der Wüste sitzt. Sie machten das freiwillig, nicht um ihr Leben auf die Reihe zu kriegen, um danach in Kairo besser zu leben, sondern um der Wahrheit willen, um der Liebe Gottes willen, wie sie gesagt hätten. Auch in anderen Traditionen, in der Begegnung des Schülers mit dem Meister zum Beispiel ist dieser Prozess der Bewusstwerdung und der Lösung der Strukturen und Anhaftungen auf verschiedene Arten mit verschiedenen Methoden praktiziert und für grundlegend wichtig erachtet worden. Die Bewusstwerdung, Konfrontation, Begegnung, Integration und Auflösung muss geschehen, vor oder nach dem ersten Satori (Satori ist ein Aufblitzen der Wahrheit, ein zweifelsfreies bewusstes, aber vorübergehendes Erkennen der Wahrheit), aber irgendwann muss es passieren. Es gibt auch in unserer Geschichte und Kultur viele erprobte Möglichkeiten, und seit hundert Jahren haben wir zusätzlich auch das Instrument der Psychotherapie, warum es nicht benützen? In Poona haben wir es sehr intensiv benützt. Osho hat Therapie immer mit einbezogen, aber stets in Verbindung mit Meditation.
Ob Integration und Transformation im Rahmen von Psychotherapie oder auf andere Art passiert ist zweitrangig. Aber wenn es – aus Trägheit, Nichtverstehen oder sonstigen Gründen – nicht geschieht, kommt es früher oder später zu Frustration, Erleuchtungsfrust, Post-Satori-Depression! Ich erlebe das bei Menschen immer wieder. Ich höre es, sehe es, ich erhalte sehr viele Briefe zu diesem Thema. „Na ja, die Erleuchtung hält auch nicht das, was ich mir erhofft habe. Ich stecke ja immer noch in der Scheiße.“ Das liegt erstens an der Verwechslung von Satori und Erleuchtung, und zweitens an der Nicht-Integration der versteckten, subtilen und weniger subtilen Egoanteile. Das Ego muss wirklich sterben.
Wenn also diese Anhaftungen, Identifikationen, Ego-Reste, Konditionierungen, Sünden, Muster (wie auch immer man sie benennt) nicht aufgelöst und überwunden werden, dann bleibt Schleier, und das Ich kommt wieder. Garantiert! Wenn wir sagen: „Ah ja, alles bestens, die Welt ist Illusion, ich bin niemand, alles in Butter“, folgen zwangsläufig Frustration oder Missbrauch. Das, was als subtiles Ego geblieben ist, wird unter dieser Watteschicht von Pseudo-Erleuchtung, Pseudo-Spiritualität, Pseudo-Advaita oder Advaita-Dualismus richtig gut wachsen und stark werden und auf die eine oder andere Art wieder zum Vorschein kommen: Als negatives Ego, das frustrierte, depressive „Ich armer Tropf-Ego“, oder als positives Ego „Wow, wie bin ich gut“.
Pyar