Mensch und Sein 9/01 Rubrik SATSANG

Leserfrage: Die Angst vor dem eigenen Tod lauert doch immer irgendwo im Untergrund. Damit verbunden Vorstellungen wie: Nach dem Tod muss ich durch ewige Angstspiralen kreisen. Wahrscheinlich wirken noch die Bilder aus meiner christlichen Erziehung (Strafe, Hölle). Und Darstellungen aus dem tibetischen Totenbuch machen es mir auch nicht leichter. Wie frei wurde ich mich fühlen, hätte ich die unerschütterliche, ständige innere Gewissheit: Es ist o.k. Gott ist Liebe, und mir wird überhaupt nichts Schlimmes passieren. Also: Wie gehe ich mit dieser Angst um? Was lässt sich überhaupt über das Jenseits sagen?

Pyar:

Wir können nichts mit Sicherheit über das Jenseits aussagen. Und das ist auch gar nicht notwendig. Ja, du hast recht, die Angst vor dem Tod lässt den Menschen sich unfrei fühlen und hindert am Leben. Doch was sind die Wurzeln dieser Angst? Es ist nicht der Tod oder das, was danach kommen mag, was die Angst verursacht. Es ist der Wunsch nach Sicherheit, der Wunsch - wie du schreibst - zu wissen, dass einem nichts Schlimmes passieren kann. Aber Sicherheit gibt es nicht - nicht im Leben und nicht im Tod. Die Angst vor dem Tod und die Angst zu leben - wirklich und voll zu leben - sind Geschwister. Denn du kannst nur dann voll leben, wenn du in jedem Moment stirbst, wenn du in jedem Moment die Vergangenheit loslässt, genau wie die Zukunft. Dann erkennst du die Ewigkeit des Jetzt. Sind wir bereit, den Anspruch auf Sicherheit, die Illusion von Sicherheit aufzugeben und jedem Moment des Lebens neu und rückhaltlos zu begegnen, ihn voll zu leben - sei er angenehm oder unangenehm, und zwar mit wachem und stillem Bewusstsein, dann werden wir auch in der Lage sein, dem Tod und was auch immer danach kommen mag mit derselben Wachheit, Bewusstheit und Gelassenheit zu begegnen. Dann wird der Tod ein Fest sein, so wie das Leben ein Fest ist. Dann wird im Tod derselbe Friede herrschen wie im Leben. Ich habe vielen Menschen die Hand gehalten, als sie starben. Ich habe miterlebt, wie Menschen, die ihr Leben voll und friedlich gelebt haben. auch friedlich, ruhig und gelassen in den Tod gingen. Wichtig ist: Lebe jetzt! Es gibt nichts außerhalb von jetzt. Sei jetzt in Frieden - immer mit dem, was jetzt ist. Auch mit der Angst. Alles kommt, alles geht. Wir sehen Geburt und Sterben, Sommer und Winter. Und jedes hat seine Zeit. Gleichzeitig ist da in der Tiefe, der Essenz, im tiefsten Herzen deines Wesens DAS, was nicht kommt und nicht geht, was nie geboren wurde und nie stirbt. Es war nie getrennt von allem und ist doch offen und leer wie der Raum, ohne Mittelpunkt, ohne Ende. Das zu entdecken, darin zu verweilen, darin zu verschwinden als Person und es als deine wahre Natur zu erkennen, schneidet die zweite und tiefere Wurzel der Angst durch. Nur dann ist dauerhafter Frieden möglich. Dann bist du in Einklang mit Geburt und Tod, in Einklang und Einheit mit der gesamten Existenz. Und du erkennst in eigenem Erfahren in diesem Leben, was im Tibetanischen Totenbuch steht. Nun ist es nicht mehr schreck-erregend: „...Oh Sohn edler Familie, höre! In diesem Augenblick ist dein Geisteszustand dem Wesen nach reine Leere und hat keine besondere Eigenart, weder Substanz, noch eine Eigenschaft wie Farbe, sondern ist reine Leere; das ist Dharmata (=die Istigkeit, die unvergängliche Essenz allen Seins)... Dieser dein Geist ist untrennbar Glanz und Leere in der Form einer Uberfülle von Licht, er kennt nicht Geburt noch Tod. Dies zu erkennen, ist das einzig Nötige. Wesentlich ist, mit Gewissheit zu erkennen, dass alles, was erscheint, wie erschreckend es auch sein mag, deine eigene Projektion ist. Also fürchte dich nicht und lasse dich nicht beirren“. Oder wie Dogen (ein Zen-Meister des 13. Jahrhunderts) sagte: ,,Jetzt weißt du, dass sogar in der schwarzen Berghöhle der Dämonen vollkommener Friede herrscht. Wenn du so lebst, dann hat der Tod keinen Schrecken.-

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