Artikel für Sein/Berlin Januar 02

"Vision und Kreativität – Traum und Wunsch"

Der Begriff Vision beinhaltet mehrere Aspekte und kann leicht zu Missverständnissen führen. Auf der einen Seite ist er sehr nahe am Traum, auf der anderen Seite sehr nahe an Kreativität. Es besteht ein großer Unterschied zwischen Traum und Vision. Traum ist Flucht vor dem was ist, Vision ist die Eröffnung von Möglichkeiten aus der Stille, aus der Okayness mit dem Moment heraus. Vision kann nur in der offenen Begegnung mit der Gegenwart entstehen. Aus Vision entsteht Kreativität, aus Traum entsteht Dumpfheit. Traum – Tagtraum ist ein bildlich machen von Wünschen, ist ein Ausdruck der Unzufriedenheit mit dem was ist. Eine Vision kann nur entstehen, oder sich zeigen, wenn Stille im Geist herrscht, wenn die Stürme der Wünsche,
Begierden und Abneigungen sich beruhigt haben. In diesem Sinne verstehe ich auch die Visionssuche der schamanischen Tradition. Sie beinhaltet immer die Reinigung von eigenem Wünschen, eigenen Ablehnungen, beinhaltet die Begegnung mit den eigenen Dämonen, beinhaltet Meditation und Stille. Träume hingegen entstehen aus Unterdrückung, aus unerfüllten Wünschen. Sie sind eine Aktivität des Verstandes. Wenn du dir ein Haus wünscht, aber diesen Wunsch nicht erfüllen kannst, wenn du gerne in Urlaub fahren würdest, aber im Büro sitzen musst, dann wirst du träumen. Und dann bist du nicht präsent, nicht da wo du bist und du bist nicht in Frieden mit dem was ist. Wenn du aber in Frieden, in Hingabe, in Stille lebst, wenn dein Geist wie ein klarer ruhiger Spiegel ist, wenn das Wasser still ist, nicht bewegt durch Wünsche und Unzufriedenheit, dann kann Vision auftauchen. Und die hat einen völlig anderen Geschmack. Die Vision ist nie deine und dient nicht der Befriedigung deiner Wünsche. Die Vision bleibt im Jetzt, aber eröffnet Möglichkeiten für das Göttliche sich zu entfalten. Die Vision entsteht, wenn du nicht sagst „Leben, ich hätte gerne dies oder das“, sondern wenn du sagst: „Leben, was willst du von mir? Ich bin bereit.“ Eine solche Vision gibt Raum, und Kreativität kann sich entfalten. Ein
Traum wird geträumt in der Unbewusstheit des Ego, er gaukelt Ziele vor, er führt weg von der Erfahrung dessen was hier und jetzt zu erfahren ist und verpasst so genau die Möglichkeiten, die ja immer in der Gegenwart liegen. So werden Wünsche zu realitätsfernen Träumen und Träume zu Zielen, die zwangsläufig zu neuer Frustration und neuem Leiden führen. In der Bewusstheit der offenen Begegnung mit der Soheit der Dinge jetzt, seien sie nun angenehm oder nicht, in der Stille des Geistes und in der Hingabe, die nicht nach eigenem Gewinn oder Verlust, nach Erfolg oder Misserfolg, nach Erfüllung oder Nicht-Erfüllung fragt, wird das Potential der Gegenwart sichtbar, werden die Möglichkeiten sichtbar, wird die Vision sichtbar, die nicht die des Ego ist, sondern ein Ausdruck des Seins. Es ist ähnlich wie mit Leidenschaft und Mitgefühl. Leidenschaft will besitzen, Mitgefühl gibt sich selbst. Ein tibetischer Meister wurde gefragt, ob denn nicht Boddhisattvas auch im Traum gefangen seien, da sie doch das Versprechen ablegten, nicht in Nirvana einzugehen, bis alle Wesen befreit und in Frieden seien und das doch eine Vision sei. Der Meister erwiderte: „Nein, das ist kein Traum, denn der Boddhisattva bleibt sich dabei der Unzähligkeit der Lebewesen bewusst.“ Er treibt sich nicht in der Träumerei über eine goldene
Zukunft herum, sondern stellt sich der Herausforderung der Gegenwart, der Soheit, der Situation und ist von vornherein bereit dem Schmerz der Unzähligkeit der Lebewesen zu begegnen und bleibt still und in Frieden dabei. Da ist kein Ausweichen, keine Flucht in eine vorgestellte bessere Welt. Da ist wohl Vision und dieser Wunsch, der aus Mitgefühl entsteigt und selbst wieder zu Mitgefühl wird, aber keine Furcht, keine Absicht, kein Ziel. Auch das wieder der weglose Weg aller Buddhas.

Pyar (copyright 01/2002 Pyar)