Interview KGS Hamburg 4/2001

,,Wahrheit ist jenseits von Erfahrung“ Pyar war zeitlebens auf der Suche nach der Wahrheit. Sie wurde Schülerin von Osho und verstand sich als Sucherin auf Irrwegen. Als sie schließlich ihren Widerstand aufgab, geschah das Erwachen — wie sie sagt, in einem Moment der Gnade. Savita Marianne Nentwig sprach mit Pyar über Liebe, Wahrheit und Erfüllung.

Hat ein bestimmtes Ereignis Ihr Erwachen ausgelöst oder war es eher ein Prozess?

Pyar: Beides. Erstens: Erwachen ist Erwachen und kennt keine Stufen. Es gibt keine halbe oder Viertel-Wahrheit. Es gibt kein halbes Sterben des Ich. Zweitens: Vorher gibt es einen Prozess. In diesem Prozess befindet sich jedes fühlende Wesen seit jeher. Und dieser Prozess mündet irgendwann zwangsläufig in Erwachen, denn das ist die wahre Natur aller Wesen. Und drittens: Erwachen ist kein Endpunkt, es vertieft und enthüllt sich unendlich. Es gibt kein Ende dieser Reise von Hier nach Hier in der Ewigkeit. Es gibt kein Ende der Hingabe. Und ganz wichtig: Es gibt keine Sicherheit. Ruhige Wachsamkeit bleibt nötig. In diesem Leben sind sehr früh und immer wieder Momente der Wahrheit und Leere geschehen. Filmrisse sozusagen, lange Filmrisse über Wochen, in denen kein Ich da war und Leere erfahren wurde. Doch es geschah keine Realisation: Der Verstand beharrte darauf, die damit für mich verbundene Erfahrung von Öde und Grauheit abzulehnen. Erwachen zur Wahrheit, das Sterben des Ich, Frieden geschahen erst viel später. Seither gibt es kein Leiden mehr. kein Ich, kein Wollen und kein Nicht-Wollen — nur Sein.

Gab es für diese Filmrisse in Ihrem Leben einen Auslöser?

Es war in meiner Teenagerzeit das schockierende Erleben des Sterbens meiner Mutter. Schon vorher war diese Welt in meinem Erleben ziemlich unsicher, ziemlich unreal. Und nun war die letzte Möglichkeit genommen, sich an einer Vorstellung, einem Glauben, irgendeinem inneren Gebäude festzuhalten. Nach einer Phase von Panikattacken führte das zu dem ersten ,,Filmriss“ — zu Leere und Ichlosigkeit. In den folgenden 22 Jahren geschah das wieder und wieder für Stunden, für Tage, für Wochen. Auch mitten bei der Arbeit, ganz plötzlich. Immer war es verbunden mit einem Gefühl der Vernichtung und Öde. Keine Ekstase. Das Problem war, dass der Verstand all die Jahre die Leere verknüpfte und gleichsetzte mit dieser schrecklichen Erfahrung, die er ablehnte. ,,Das kann es nicht sein.“ Ich blickte ständig auf die Erfahrung und nicht in die Leere selbst. Aber die Leere selbst? Die Leere selbst ist keine Erfahrung. Wahrheit ist jenseits von Erfahrung. Es geht weder um glückselige noch um schreckliche Zustände, sondern es geht nur um Wahrheit. Und was für Zustände dann auch immer kommen und wieder vergehen mögen im unendlichen Raum, das ist in Wahrheit unerheblich. Doch das erkannte ich all die Jahre nicht. Buddha sagt: ,,Ablehnen. Wünschen und Nicht-Verstehen sind die drei Wurzeln des Leidens.“ Genau das ist meine Erfahrung. Ich konnte damals nicht verstehen. Mit Verstehen ist aber kein intellektuelles Verstehen gemeint, sondern unmittelbares, direktes Erkennen ohne Gedanken.

War diese Leere, die Sie seit Ihrem 14. Lebensjahr immer wieder erfahren haben, eigentlich schon Erwachtsein?

Nein! Die ganzen Jahre hindurch blieb Ablehnung. Wo Ablehnung ist, ist ein Ich, und wenn es noch so subtil ist. Es bleibt eine Trennung. Da war Leiden und da war auch immer noch jemand, der urteilte. All das sind Attribute des Ich.

Was hat die Realisation ausgelöst? War es das, was Samarpan Ihnen gesagt hat?

Ich befragte Samarpan zu diesen Zuständen von Leere, Ode und Ichlosigkeit. In den zehn Minuten, die wir in Satsang geredet haben, zerstörte er alle Vorstellungen, die mein Verstand sich in Bezug auf Meditation, auf Erleuchtung und diese Zustände zusammengebastelt hatte. Es war völlig klar, dass er die Wahrheit sprach, und dennoch nicht hinreichend, denn immer noch war es wie geliehen. Da war ein Anerkennen — ja, es stimmt, was er sagt, — aber es war noch nicht eigenes Erkennen. Die Realisation geschah am Abend darauf, in einem Moment der Gnade. Nicht als irgendetwas was ich getan hätte, nicht als irgendetwas was ich erreicht oder bekommen hätte, nein, sondern in einem Moment vollkommener Aufgabe. Ja und dann? Erst nach diesem ersten Moment der Wahrheit, aus dieser Klarheit, diesem Sein heraus war es möglich, wirklich all die Strukturen wahrzunehmen, an denen ich noch haftete und die sich dann in der Folge höchst unangenehm äußerten. Erst jetzt war es möglich, all dem wirklich, vollkommen und ganz zu begegnen, immer wieder „ja“ dazu zu sagen und dabei still und unbewegt in all dem zu bleiben. Es ist ein Prozess der vollkommenen Hingabe, ein Subtraktionsprozess, ein Sterben. Was da geschieht, ist mystisch und kaum zu beschreiben. Irgendwann vor ungefähr eineinhalb Jahren kam ein Punkt, ab dem es keinen Zweifel mehr gab, keine Frage mehr und kein Leiden, kein Wünschen, kein Ablehnen, keine Trennung, kein Ich — nichts, niemand. Und das blieb so seither.

Sie leben mit Ihrem langjährigen Partner zusammen. Wie ist das Zusammenleben jetzt?

Wunderbar! (Lacht) Wie alles!

Anders als vorher?

Ja, da ist kein Wollen, kein Brauchen, kein Haben und keine Erwartung. Die Partnerschaft ist spielerisch. da ist sehr viel Raum. Liebe und Freiheit. Nicht dieses Klischee von Freiheit, sondern eine innere Freiheit. Es ist einfach wunderbar, so wie es ist. Keine Vergangenheit und keine Zukunft. Das ist ganz wichtig, weil in diesem Jetzt, in dieser Präsenz das Leben geschieht. Dieses Jetzt ist nicht ein kleiner Punkt, der irgendwo zwischen Vergangenheit und Zukunft eingequetscht wäre, sondern dieses Jetzt ist Ewigkeit, unendlich. In diesem Jetzt gibt es kein Vergleichen und kein Urteilen.

Gibt es Eifersucht?

Eifersucht? Nein.

Auch kein kleines bisschen?

Nein, überhaupt nicht.

Verstehen Sie die Lehren der Erwachten heute anders als früher?

Wenn ich jetzt einen Text von Osho, von Laotse, von Kabir lese, verstehe ich, was er sagt, von innen, direkt. Dieses Verstehen ist ohne Umweg von Gedanken, es geschieht einfach, und es ist vollkommen anders, als ich es von früher kenne. Erst jetzt ist da wirkliches Verstehen.

Ändert sich noch etwas in Ihrem Verstehen?

Ja, es ist nicht statisch, sondern in jedem Moment absolut neu. Nicht, dass die Stille stiller würde oder die Erleuchtung erleuchteter oder das Erwachen wacher. Es gibt keine Stufen in der Unendlichkeit. Und dennoch ist es in jedem Moment neu. Ein ständiges sich Vertiefen und sich weiter Enthüllen, und das ist endlos. Kein Zustand von allverstehend oder allwissend sein, nein, überhaupt nicht... Es ist und es bleibt ein Mysterium! Es weitet sich, vertieft sich, es ist gleichzeitig immer vollkommen und sich immer weiter enthüllend.

Wenn die Menschen aus dem Satsang kommen, fühlen sie sich oft bereichert. Was ist fa geschehen, was hat sich verändert?

„Bereichern“ ist kein gutes Wort. Es geht um das Entdecken dessen, was keiner Bereicherung bedarf, was immer vollkommen war. Absichtsloses bewusstes Sein. Stille. Nicht-Bereichert Sein-Müssen. Nicht-Etwas-Wollen. Wahrnehmen der Fülle der Leere. Das Erkennen, dass Stille und Frieden nichts ausschließen. Um das zu entdecken, müssen wir bereit sein, all dem zu begegnen, was gerade in der menschlichen Erfahrung geschieht, sei es angenehm oder unangenehm. Nicht davonzulaufen, nicht zu erklären, nicht auszuagieren, sondern dazubleiben, unbewegt zu bleiben in der Mitte von allem, was immer es sein mag. Und so sich das tiefer und tiefer enthüllen zu lassen, was permanent unberührt, still ist und immer war und immer sein wird – die Wahrheit unseres Seins. Das ist es, was im Satsang geschieht. Aber es ist nichts was ich geben würde. Da ist nichts, was ich der Vollkommenheit hinzufügen könnte, die du bist. Wie das funktioniert, weiß ich auch nicht. Ich muss es auch nicht wissen. Ich erfreue mich daran und bin in tiefem Staunen, Ehrfurcht und Dankbarkeit.

Copyright 2001 Pyar - KGS Hamburg