Wendezeit

Interview der Zeitschrift Spuren Frühjahr 2003

von Pyar Troll


1) Woran denken Sie, wenn Sie das Wort "Wendezeit" hören?

Als erstes denke ich an das Buch von Fritjof Capra „Wendezeit“, das vor zwanzig Jahren erschien und wahrscheinlich diesen Begriff erst geprägt hat. Capra ist Atomphysiker und beschäftigt sich daneben seit langer Zeit mit den philosophischen und gesellschaftlichen Auswirkungen der modernen Naturwissenschaft. Er ist einer der Wegbereiter einer ganzheitlichen und ökologischen Weltsicht.

Circa 15 Jahre zuvor bekamen wir Menschen erstmals Bilder unseres Heimatplaneten zu sehen, die aus dem All fotografiert wurden.

Diese Bilder unseres schönen blauen Planeten bewegen uns und können eine Änderung unserer Haltung und Einstellung und unseres Denkens bewirken. Wenn wir die Erde auf diesen Bildern betrachten, können wir nicht anders, als sie als Einheit wahrnehmen. Und wir erkennen gleichzeitig wie klein die Erde ist inmitten all der Sterne und der Unendlichkeit des Alls. Und wir staunen über das Wunder des Lebens auf diesem Planeten. Und gleichzeitig können wir nicht umhin die Begrenztheit dieses Lebensraums zu sehen und anzuerkennen und einzusehen, dass es kein ewiges Wachstum geben kann und dass Konkurrenzkampf, Krieg und Unfrieden im Kleinen und im Großen vollkommen sinnlos sind.  Wir sitzen alle auf einem Planeten und alle und Alles sind miteinander verwoben, sind voneinander abhängig.

Im Gegensatz zum mechanistischen Weltbild Newtons kommt Capra zu dem Ergebnis „das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ und sieht und erklärt die Vernetzung und gegenseitige Abhängigkeit aller Phänomene. Hier trifft er sich mir den Aussagen Buddhas, der 2500 Jahre früher die bedingte Entstehung aller Phänomene und die abhängige Existenz aller Dinge und Wesen lehrte. Die Unwissenheit darüber ist die tiefste Wurzel allen Leidens. Diese Erkenntnis ist wahrhaftig eine Wende. Und es liegt an uns sie praktisch zu leben – im Kleinen wie im Großen.


2) Glauben Sie daran, dass wir in ein neues Zeitalter eintreten, in ein so genanntes "New Age" oder Wassermann-Zeitalter?

Bewusstsein befindet sich immer und zu allen Zeiten in einer Evolution. Zumindest besteht immer die Möglichkeit der tieferen Bewusstwerdung, tieferen Einsicht. Zu allen Zeiten gab es Meister und Buddhas, die diese Möglichkeit aufzeigten, zu allen Zeiten gibt es die Möglichkeit in Liebe und Bewusstheit zu wachsen. Das ist kein Privileg unserer Zeit. Was unsere Zeit kennzeichnet, ist die Tatsache, dass wir vor die Wahl gestellt sind, ob wir unser Denken und Handeln ändern wollen, oder ob wir den Planeten, der unser Leben ermöglicht, zerstören. Wir sind vor die Wahl gestellt, ob wir in Frieden und Gerechtigkeit miteinander leben wollen (und zwar ganz praktisch) oder ob wir uns weiter bekämpfen.



3) Gibt es Ihrer Meinung nach überhaupt grosse Wendezeiten, oder sind es nicht gerade die kleinen Ereignisse, die nachhaltige Veränderungen mit sich bringen?

Die Brisanz der Weltlage, der ökologischen Lage, der ökonomischen Lage – insbesondere in den südlichen Ländern der Erde – könnte, wenn wir wach und bereit sind, wenn wir in Mitgefühl, Bewusstheit und Friedlichkeit wachsen, tatsächlich eine Wende bewirken.


4) Wie halten Sie sich persönlich für Veränderungen fit?

Ich liebe Veränderungen.

5) Das vergangene Jahrhundert brachten vor allem in der westlichen Welt enorme technische Fortschritte (Kommunikation, Verkehr usw.). Hat Ihrer Meinung nach auch in spiritueller Hinsicht eine Entwicklung stattgefunden?

Aussagen darüber wären spekulativ. Wichtiger als die Betrachtung vergangener Entwicklung ist, dass wir immer jetzt bereit sind tiefer und weiter zu werden und die Einheit aller Phänomene, die Vernetztheit aller Dinge in ihrer Tiefe und Schönheit und in ihrer praktischen Konsequenz zu erkennen. Dann ist eine Wende möglich für jeden einzelnen und für alle Wesen, eine Wende, die eine Rückwendung zum Wesentlichen, zum Eigentlichen, zur Essenz ist – das ist die wahre Bedeutung von Religion. Und in dieser Wendung erscheint Staunen und Freude ob der Soheit der Dinge und Bewusstheit, Achtsamkeit im Umgang mit uns selbst, im Umgang mit allen Wesen, im Umgang mit Ressourcen, im Umgang mit Mutter Erde wachsen.